Da heute ein langer Tag wird, stehe ich früh auf und gehe vor Sonnenaufgang los. Es ist eh schon wieder viel Verkehr und laut. Der Campingplatz liegt zwischen der Hauptstraße und dem Strand. Und mein Zelt steht direkt hinter einer Mauer zur Straße. An dem kleinen Laden duftet es sehr verlockend nach frischen Croissants. Aber er hat noch nicht geöffnet.
Die ersten 20 Kilometer sind richtig langweilig. Um zwei große Flüsse, die ins Meer fließen, zu umlaufen und ein großes Natur- und Vogelschutzgebiet, führt der Wanderweg durch das Hinterland. Ich laufe über die Schotterstraße, Asphalt, durch einen Ort und wieder über eine Schotterstraße. Das Meer sehe und höre ich die ganze Zeit nicht. Die Hunde auf einem einsamen Hof bleiben trotz offenem Tor zum Glück auf dem Grundstück und begnügen sich damit, mich durch den Zaun anzubellen. Angespannt bin ich trotzdem den ganzen Weg über.
Ich schaue mir die Beschreibung des GR92 an. Es wird empfohlen, diese Etappe zu überspringen. Mit dem Taxi in den nächsten Ort zu fahren und ab da weiterzugehen. Ja, das kann ich verstehen. Aber als ob ich das machen würde. Das gehört einfach dazu zum langsamen Reisen. Zum Kennenlernen fremder Gegenden.
Ich gehe an Apfelplantagen entlang und folge einem schönen Pfad durch das Naturschutzgebiet, wo ich an ganz vielen Infotafeln und Vogel-Beobachtungsplattformen vorbeikomme. Nach 3,5 Stunden stehe ich wieder am Strand. An einem breiten und ewig langen Sandstrand.

Der Weg führt durch Sant Pere und bis Sant Martí d’Empúries nochmal ein ganzes Stück weg vom Wasser. Ich ziehe stattdessen meine Schuhe und Socken aus und mache die nächsten 6 Kilometer barfuß einen Strandspaziergang. Direkt vorne am Wasser ist der Sand so fest, dass ich nicht so sehr einsinke und es nicht so anstrengend ist. Außerdem kühlt das Wasser meine Füße und Beine, wenn wieder eine Welle kommt.

Es sind nur wenige Leute hier. In der Hochsaison ist es wahrscheinlich rappelvoll. Ich höre überwiegend Deutsch.
Den kompletten E12 von Südspanien bis Kroatien am Mittelmeer entlang zu wandern, wäre mir viel zu langweilig. Natürlich ist es wunderschön. Es gibt viele traumhafte Plätze, einsame Buchten, Strände mit Palmen und türkisblau leuchtendem Wasser. Aber es ist stundenlang dasselbe. Die Landschaft ändert sich nicht großartig. Ich mache kaum noch Fotos. Da finde ich die Berge sehr viel spannender. Hinter jedem Pass gibt es eine neue Sicht und viel mehr Abwechslung. Auch die Wolken und den Nebel so weit oben zu beobachten, ist spannend. Oder wenn man sich über den Wolken befindet.
Ich entsande meine Füße und ziehe meine Schuhe wieder an. Dann geht es weiter auf befestigten Wegen hinter den Dünen. In Sant Martí d’Empúries gehe ich durch enge Gassen. Die sind typisch für spanische und auch französische kleine Orte. Jedenfalls ist da irgendwo eine Verknüpfung in meinem Kopf aus bisherigen Reisen und Urlauben.

In l’Escala begrüßt mich die stumme Kapelle. Ich folge der Promenade, mache am Strand noch eine lange Pause und koche Nudelsuppe. Irgendwie mag ich es mehr, wenn man gar nicht jeden Tag die Möglichkeit hat, einzukaufen. So fühlt es sich ja schon fast wie im Alltag Zuhause an, wo wir in so einem Überfluss leben.

Trotz den fast 32 Kilometern heute, bin ich nicht müde. Meine Beine und Füße sind noch fit und könnten locker weitergehen. Es fehlten die Höhenmeter. Es gab schon Tage an denen ich in 6 Stunden Gehzeit nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft habe.
Der einzige noch geöffnete Campingplatz liegt mitten im Ort. Er ist mit 24 € noch teurer als der letzte und gefällt mir nicht. Aber ich habe einen Platz zum Schlafen. Mit einem Stein bekomme ich auch meine Heringe in den harten, trockenen Boden.
Ich kaufe ein. Heute gibt es eine Dose mit weißen Bohnen in Tomatensoße und Baguette mit Aioli. Ich habe weiterhin keine Lust auf ein Restaurant. Nur zum Abschluss möchte ich noch irgendwo schön Tapas essen gehen. Am liebsten mit euch allen zusammen. Tapas sind so schön zum Teilen und überall Probieren.
Ich verbringe bestimmt eine Stunde damit, die nächsten Campingplätze herauszusuchen und zu prüfen, ob sie noch geöffnet haben. Viele haben die Saison Ende September beendet, noch mehr am 12. Oktober. Es gibt nur wenige, die bis November oder ganzjährig Gäste empfangen. Leider muss man diese Info auf vielen Webseiten ewig suchen oder sich aus den Preislisten erschließen. Für die nächsten beiden Nächte finde ich noch Optionen. Danach wird es eng. Nach dem Schotterstraßen-Marsch heute habe ich auch keine Lust, nach Girona zu laufen. Das wird wahrscheinlich ähnlich. Dann gehe ich lieber noch ein bisschen am Strand entlang und fahre danach mit dem Bus in die Stadt und zum Bahnhof. Die Züge nach Paris fahren von Girona zweimal täglich. Dort muss ich dann vielleicht noch eine Übernachtung einschieben. Details kann ich immer noch heraussuchen. Das reicht an Planung für heute.
Ich bin sehr früh wach, liege im Zelt und höre mein Hörspiel. So langsam bin ich bereit, mich auf den Heimweg zu machen. Der Gedanke geht mir durch den Kopf und das Gefühl setzt sich fest. Als ich gestern Abend mit meinen Eltern telefoniert habe, schoss mir auch ganz plötzlich durch den Kopf, dass ich die Pyrenäen durchquert habe. Dass ich es geschafft habe. Das erste Mal so bewusst. Es ist nun angekommen in meinem Kopf. Da habe ich wohl noch ein paar Tage gebraucht.
Das Meer ist heute Morgen ganz ruhig. Es gibt nur ganz wenig Wellenbewegung. Ich gehe am Hafen vorbei und biege auf einen Pfad ab.

Ich stehe vor einem Schild, wo ein Mensch und ein Fahrradfahrer durchgestrichen sind und vor extremer Gefahr gewarnt wird. Darf ich hier gar nicht hergehen? Die Wegweiser zeigen aber alle in diese Richtung. Ich scanne den QR-Code für mehr Informationen. Es geht um die Waldbrandgefahr. Heute wird Stufe 1 von 5 angezeigt. Als ein paar Spaziergänger an mir vorbeigehen, gehe ich auch weiter. Ein Stück weiter liegt ein Feuerzeug auf dem Boden. Das passt ja nun gar nicht hier hin.
Letzte Nacht hat es ein paar Mal geblitzt. Auf einer Webseite, die weltweite Gewitter anzeigt, sehe ich, dass ein ganzes Stück vor der Küste, draußen über dem Meer, ein Gewitter tobt. Jetzt sind immer noch viele dunkle Wolken in der Ferne zu sehen.
Es sieht lustig aus, wie der Hügel komplett mit Häusern bebaut ist.

Ich gehe rechts an der Siedlung vorbei, durch die Straßen und am Strand vorbei. Dann geht es wieder auf einen Pfad über die Steilküste. Oberhalb der Klippen entlang, uneben und über viele Steine. Der Weg ist markiert, aber durch die vielen Trampelpfade ist der richtige Pfad manchmal schwer auszumachen.
Ich komme an ein paar kleinen Buchten vorbei. Hier ist kein Mensch und das Wasser ist ganz klar. Also mache ich einen Bade-Stopp. Das Wasser ist überhaupt nicht kalt heute.

Es sieht traumhaft aus, das klare Wasser, was so türkis leuchtet.

Am Aussichtspunkt Punta Ventosa, liegt dann das dunkelblaue weite Meer vor mir. Nur Meer und Himmel. Mit den Wolken, die sich spiegeln, ein paar helle und ein paar dunkle Flecken.

Auch wenn es bewölkt ist, ist es total warm. Vielleicht ein bisschen schwül heute. Es ist windstill und ich bin nass geschwitzt.
Ich folge einer Schotterstraße und einem breiten steinigen Weg durch lichten Wald. Irgendwann geht es dann über einen Pfad abwärts. Zu einer kleinen Bucht mit Sandstrand. Der Wegweiser zeigt 1:47 Stunde bis nach L’Estartit an. Das habe ich zwischendurch immer wieder gesehen in Spanien. Diese genauen Zeitangaben. Ich folge nun dem Wanderweg El Camí und nicht mehr dem GR92. Der führt nämlich weiter den breiten, eher langweiligen Weg entlang und nicht über die Klippen und an den kleinen Buchten vorbei.
Ich steige den steinigen Pfad hinab, zwischen kleinen Sträuchern hindurch. Weiter unten gehe ich dann durch den Wald, wo die Baumstämme mit Efeu umwickelt sind.

Ich komme an der Bucht vorbei und es geht wieder nach oben. Aus dem Wald raus und wieder mit Meerblick an niedrigen Büschen vorbei. So geht es ein paar Mal.

Ich folge den weiß-grünen Markierungen und warte auf einen schönen Pausenplatz. Am besten mit Meerblick. Oben auf den Klippen. Es kommt aber kein Wasser in Sicht. Irgendwann schaue ich auf die Karte. Da habe ich wohl einen Abzweig verpasst. Schade. Zurückgehen möchte ich jetzt auch nicht mehr. Also geht es die Schotterstraße runter in den Ort. Ich gehe am Hafen vorbei und setze mich an den Strand. Dann mache ich hier Pause und esse mein Baguette. Mit ein paar Sandkörnern zwischendrin, da es inzwischen doch ziemlich windig ist und der Sand aufgewirbelt wird.
Hier im Ort gibt es sogar drei Campingplätze, die noch geöffnet haben. Ich suche mir den aus, der direkt am Strand liegt. Ich rechne mit einem ähnlichen Preis wie gestern, bezahle aber nur 14 €. Und die Leute sind sehr nett. Ein Kerl geht mit mir herum, dass ich mir einen Platz aussuchen kann. Er meint, dass es heute Nacht sehr windig werden soll, daher suchen wir eine geschützte Ecke.
Da mir Google Maps von hier keine Verbindung nach Girona angezeigt hat, bin ich davon ausgegangen, dass ich morgen noch in den nächsten größeren Ort laufe. Es gibt aber doch einen Bus, der stündlich fährt. Also beende ich meine Wanderung hier.
Dann mache ich mich mal bereit für die Heimkehr und Zivilisation. Ich schmeiße alle meine Klamotten in die Waschmaschine. Die Planung nimmt etwas Zeit in Anspruch. Ich rechne alle Möglichkeiten durch, da die Züge echt teuer sind. Am Ende entscheide ich mich dafür, morgen noch ein bisschen Sightseeing in Girona zu machen und buche ein Hotelzimmer.
Das war es nun. Es geht langsam zurück nach Deutschland. Ich packe meinen Rucksack so, dass nichts mehr außen dranhängt, was geklaut werden könnte. Da habe ich in der Pariser Metro eine schlechte Erfahrung gemacht. Dann mache ich noch einen Strandspaziergang und verabschiede mich vom Meer.

Der Bus nach Girona fährt etwa 1,5 Stunden. Ich steige am unterirdischen Busbahnhof aus. Am Bahnhof wimmelt es von Polizisten in Schutzkleidung und mit Schlagstöcken. Ich sehe viele Leute mit palästinensischen Flaggen. Später lese ich, dass es einen Generalstreik gibt. Dass aus Solidarität mit Palästina demonstriert wird im ganzen Land. Gut, dass ich nicht heute heimfahren wollte, es verkehren nämlich keine Züge. Ich will am Bahnhof an der Info ein Namensschild für meinen Rucksack besorgen, was im TGV vorgeschrieben ist. Ein bulliger Polizist bittet mich aber etwas unwirsch, den Bahnhof zu verlassen. Also laufe ich draußen am Bahnhof entlang, es ist laut und voll und stinkt. Ich verstecke meine Tränen unter der Sonnenbrille und laufe weiter. Ich wusste nicht, das Girona eine so große Stadt ist. Jetzt bin ich dann plötzlich ganz zurück in der Zivilisation. Ich kann noch nicht einchecken im Hotel, erst ab 14 Uhr. Also steuere ich die noch erhaltene Stadtmauer an, auf der man die Altstadt umrunden kann. Da ist es bestimmt weniger voll. Die Tränen trocknen. Die erste Großstadt-Krise und der Drang, lieber wieder wandern zu wollen, ist überstanden.
Ich schaue mich ein bisschen um und bringe dann meinen Rucksack ins Hotel.




Ich setze mich in der Altstadt in einer ruhigen Gasse in eine Tapas-Bar. Hier sitze ich zwischen Spaniern. Oder wahrscheinlich eher Katalanen. Und nicht zwischen den ganzen Touristen. Hier bekommt man immer wieder mit, dass Katalonien nicht zu Spanien gehört, wenn es nach den Leuten geht. An vielen Häusern weht die gelb-rote katalanische Flagge. Und die Speisekarte in der Bar gibt es auch nur auf Katalanisch, Französisch und Englisch. Nicht auf Spanisch.
Da ich alles alleine esse und niemanden zum Teilen dabei habe, bin ich nach der ersten Runde schon satt. Dabei hätte ich gerne noch viel mehr bestellt. Die hausgemachten Croquettas mit Pilzfüllung sind besonders gut, innen ganz weich und saftig, außen knusprig. Pimientos de Padrón mag ich auch gerne, gebratene kleine Paprika mit viel Olivenöl und grobem Salz. Und überhaupt, dass es zu allem sehr kräftiges Aioli gibt, ist super.
Beim Bezahlen spricht der Kellner mich auf mein HRP T-Shirt an. Er kenne einen der Besitzer der Certascan-Hütte, wo ich es gekauft habe. Ich erzähle von meiner Wanderung und die beiden Spanier am Nebentisch steigen ins Gespräch ein. Die Frau spricht ein bisschen Englisch, der Mann nicht. Sie sind ganz interessiert und wollen den GR11 gerne selber mal wandern. Wir unterhalten uns noch eine Weile in einer wilden Mischung aus Englisch, Spanisch und Gesten.
Zum Abschluss gibt es auf dem Rückweg zum Hotel ein Eis. Zitrone und dunkle Schokolade. Dann gehe ich für die Rückfahrt einkaufen. Und streife ewig durch die Regale im Supermarkt. Schaue, was es hier so gibt. Morgen früh geht es mit dem TGV über Paris nach Stuttgart. Und nachts noch weiter nach Buchloe. Nach einem Tag bei meiner Schwester und ihrer Familie, verbringe ich ein paar Tage bei meinen Eltern in Oberstdorf, bevor es zurück nach Dortmund geht. Ich freue mich jetzt schon auf noch ein paar schöne Tageswanderungen.
Volkmar Vetter
toi, toi, toi …. Gruß Volkmar
Lisi
wir freuen uns auf Dich! Auch wenn ich mit traurig bin, dass die Wanderung vorbei ist und ich gerne noch weiter gelesen hätte
Anita
Liebe Sophie, ich wünsche dir eine gute Heimreise! Danke fürs mitnehmen und die tollen Berichte-ich bewundere deinen Mut und dein Können!
liebe Grüße aus Vorarlberg, Anita
Hans-Peter Kreft
Hi Sophie, es hat wieder einmal sehr viel Spaß gemacht virtuell an deiner Tour teilzunehmen. Vielen Dank dafür. Manchmal war ich auch echt neidisch und sehr häufig froh, einfach nur lesen zu können:-)! Man spürt in jeder Zeile deine Lust und Freude draußen zu sein – hoffentlich kannst du davon etwas mit in das Büro nehmen (zumindest für die Zeit bis zur nächsten Wanderherausforderung). Wir freuen uns sehr dich wieder zufrieden und wohlbehalten in Dortmund zu sehen – viel Erfolg noch auf deinen nächsten Bahnetappen!