Als ich letztes Jahr von meiner Pyrenäen-Durchquerung zurück war, hat es nicht lange gedauert, bis ich angefangen habe, mein nächstes Wander-Abenteuer zu planen. Es sollte dieses Jahr der Trans’Alpes von Jérôme Bonneaux werden. Vom Genfer See durch die Schweizer, italienischen und französischen Alpen bis zum Mittelmeer. Vom Höhenprofil und Schwierigkeitsgrad ähnlich wie der HRP und über eher einsame Wege. Man nennt die Route auch den HRP der Alpen. Im Frühjahr allerdings hatte ich auf der Arbeit die Chance auf ein sehr cooles Projekt, was ich gerne machen wollte. Also habe ich die Wanderung auf nächstes Jahr verschoben.

Das letzte halbe Jahr war einerseits sehr erfüllend, andererseits mental extrem fordernd und anstrengend und die Arbeit hatte mich so fest in ihren Klauen, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, dass ich das so nicht mehr lange durchhalte. Ich wusste, dass es nicht gesund ist und dass es mir nicht gut tut, was ich da mache. Die vielen Stunden vor dem Rechner. Ich bin aber nicht davon weggekommen. Also musste doch noch eine Auszeit her dieses Jahr. Zeitlich passte es ab November und ich habe relativ spontan entschieden, den Monat freizunehmen und wandern zu gehen. Um zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu tanken.

Jetzt musste nur noch ein Ziel her. Am liebsten natürlich mit Bergen, aber Schnee und Kälte können da zu dieser Jahreszeit schnell zum Problem werden. Also eher Flachland. Am liebsten ohne weite Anreise, möglichst unkompliziert. Und noch lieber, wo ich legal wildcampen kann. Über viel Recherche bin ich erst bei Griechenland, dann Schottland und zuletzt Dänemark gelandet. In Dänemark gibt es kein Jedermannsrecht, wie im restlichen Skandinavien. Aber es gibt zig kostenlose Shelter und Wälder, wo man sein Zelt für eine Nacht aufstellen darf. Das ist echt cool, das ist fast wie freies wildcampen, nur eben auf bestimmte Gebiete beschränkt.

Längs durch das Land führt der etwa 600 Kilometer lange Hærvejen, ein alter Pilgerweg. Ich war auf dem Weg nach Norwegen mal für eine Nacht in Hirtshals auf dem Campingplatz, aber sonst noch nie in Dänemark. Die gesamte Route von der deutsch-dänischen Grenze bis zur Nordspitze bei Skagen zeigt etwa 2.500 Höhenmeter an. Fast so viel hatte ich in den Pyrenäen eher an einem Tag. Außerdem haben es Pilgerwege so an sich, dass sie häufig über breite Wege verlaufen statt schmaler Pfade und von Ort zu Ort, an den Kirchen vorbei. Alles, was ich normalerweise eher meide. Ohne es genau zu wissen, stelle ich mir die Wege echt langweilig vor. Gespannt bin ich eher auf das letzte Drittel, wo ich nicht mehr im Inland gehe, sondern an der Nordseeküste entlang. Auch wenn ich dabei immer wieder an die Beschreibung denken muss, die ich irgendwo gelesen habe, dass die Küste im Herbst sehr spektakulär sei mit den Nordseestürmen – solange man einen geschützten Platz für sein Zelt findet.

Ich habe neben der Arbeit nicht viel Zeit für Planung und beschließe es einfach zu versuchen. Ein neues Land kennenzulernen. Und selbst wenn die Wege wirklich langweilig sind, bin ich zumindest draußen an der frischen Luft, bewege mich den ganzen Tag und kann in meinem Zelt schlafen. Da freue ich mich am meisten drauf, glaube ich. Mir fehlt einfach das andere Leben da draußen. Was auf seine Art fordernd ist, aber doch so viel einfacher als unser schnelllebiger Alltag.

Ich suche mir die wichtigsten Infos zusammen, gehe meine Packliste durch und markiere mir die Schlafmöglichkeiten auf meiner Offline-Karte auf dem Handy. Die Durchschnittstemperaturen liegen nachts bei 3-4 Grad, tagsüber bei 8 Grad. Am Anfang habe ich noch etwa 9 Stunden Tageslicht zum Wandern, gegen Ende dann nur noch 7 Stunden. Kurze Hose und Top streiche ich von der Packliste, dafür probiere ich mal was neues aus und nehme eine Windhose mit. Die wiegt nicht mal 100 Gramm und soll vor allem meine Oberschenkel etwas besser vor dem kalten Wind schützen, den ich garantiert viel haben werde, vor allem an der Küste. Ich muss dabei an die Frostbeulen denken, die ich in Norwegen hatte, das brauche ich nicht nochmal. Die restliche Packliste ist erprobt und hat sich seit meiner Norwegen-Durchquerung nicht mehr groß geändert.

Das Wochenende verbringe ich mit meinem besten Freund in Kiel, den Großteil der Anreise habe ich also schon am Freitag hinter mir. Heute verabschieden wir uns dann am Bahnhof in Kiel und ich fahre mit dem Zug weiter nach Flensburg. Seit gestern ist die Aufregung gestiegen bei mir. Das habe ich vor jeder Wanderung wieder, auch wenn ich inzwischen viel Erfahrung habe. Unterschiedlich stark, je nach Tour und Land. Ich bin vorher immer etwas nervös, ob nicht doch der Rucksack zu schwer ist, ich zu viel Essen eingepackt habe oder ob es reicht, ob das mit dem Schlafplatz funktioniert, ob ich immer genug Stellen mit Trinkwasser finde und Orte, wo ich meine Power Banks wieder aufladen kann. Heute Vormittag habe ich mich plötzlich richtig schlecht vorbereitet gefühlt. Ich hatte in den letzten Wochen immer nur kurz nebenbei mal ein bisschen Zeit, wenn ich eigentlich auch schon viel zu müde war, mich noch um die Planung zu kümmern. Ich habe inzwischen irgendwie ein Grundvertrauen, dass alles hinhauen wird auf meinen Wanderungen und denke es wird entspannt in Dänemark. Trotzdem hatte ich heute Zweifel. Ich habe mich gestresst gefühlt und war ziemlich aufgewühlt. Mein Rucksack fühlt sich zu schwer an und meine Füße fühlen sich eher schlapp an.

In Rendsburg muss ich eine halbe Stunde auf den nächsten Zug warten, dann steige ich in Flensburg aus und starte vor dem Bahnhof meine Uhr. Schön ist es hier nicht, eher heruntergekommen die Gegend. Ein kleines Stück kann ich aber durch einen Park gehen und mache ein schön herbstliches Startfoto. Ein erstes – das richtige Startfoto kommt erst an der dänischen Grenze.

Ich laufe an großen Straßen entlang bis zum historischen Hafen. In einem sehr gemütlichen kleinen Café frage ich, ob sie mir auch ein Fischbrötchen zum Mitnehmen machen können. Das ist echt gut, nicht so ein Standard-Imbiss-Brötchen mit mehr Panade als Fisch und triefend vor Fett. Stattdessen mit nur ganz dünner Panade, Salat, Gurkenwürfeln, eingelegten roten Zwiebeln und ganz vielen Sprossen. Damit setze ich mich an die Kante zum Hafenbecken. Zum Glück sind nicht viele Möwen unterwegs. Eine kann ich dabei beobachten, wie sie im Sturzflug untertaucht und kurz darauf mit einem kleinen Seestern im Schnabel wieder auftaucht.

Ich war diese Woche erst beim Friseur und habe meine Haare abschneiden lassen. Das habe ich vor der Norwegen-Wanderung das erste Mal gemacht, jetzt sind sie aber noch viel kürzer geworden. Der November wird nass und kalt und da hatte ich keine Lust auf meine langen, dicken Haare unterwegs, die nicht trocknen und unangenehm kalt sind, wenn ich dann mit nassen Haaren nachts im Zelt liege. So ist es so viel praktischer. Und ich habe mich auch darauf gefreut, mal noch was neues auszuprobieren. Meine Haare wachsen recht schnell wieder. Und so konnte ich knapp 50 cm Haare spenden, damit daraus Perücken für krebskranke Kinder gemacht werden können. Ungewohnt ist es trotzdem noch, vor allem wenn ich mir nun die Fotos anschaue von heute.

Ich gehe am Wasser entlang, um ein großes Industriegelände herum an der Straße und dann hinter Flensburg ein Stück am Sandstrand weiter. Auf geht’s nach Dänemark.

Der Plan für heute ist ein entspannter Start mit nur ein paar wenigen Kilometern bis über die Grenze und am ersten Shelter mein Zelt aufzustellen. Morgen geht es dann richtig los. Ich freue mich darauf, später im Zelt alleine zu sein, Zeit nur für mich zu haben, mich in meinen Schlafsack zu kuscheln und vielleicht noch ein bisschen mein Hörspiel zu hören. Ich bin gespannt, wann die Lust zu schreiben kommt. In der letzten Zeit, als ich noch so viel gearbeitet habe, war mein Gedanke eher, dass ich nicht schreiben will, mich nur verkriechen und nichts machen müssen will. Ich denke aber, es wird kommen. Wenn ich alleine unterwegs bin und so viel erlebe, möchte ich das gerne festhalten und habe dann meistens auch einen großen Drang zu erzählen und euch teilhaben zu lassen an den Erlebnissen. Ich kann natürlich auch mit den Kühen auf der Weide reden, an denen ich vorbeilaufe, aber ich habe da noch nie echtes Interesse verspürt.

Da drüben ist schon der Wald in Sicht, wo ich mein Zelt aufstellen möchte.

In Wassersleben, dem letzten kleinen Ort vor der Grenze, komme ich an einem Edeka Smart Store vorbei. Der hat auch sonntags auf. Zutritt bekommt man mit seiner Bankkarte und am Ende scannt man seine Ware selber und bezahlt an Selbstbedienungskassen. Personal gibt es nicht. Bis auf frisches Obst und Gemüse ist es ein normales Supermarkt-Sortiment. Ich suche noch was besonderes für den ersten Abend im Zelt und nehme mir eine Tüte Chips mit.

Direkt hinter dem Supermarkt stehen am Strand diese ganzen Schilder. Der westlichste Punkt der Ostsee ist hier, sagt ein kleines rundes Schild mit Koordinaten-Angabe. Und ich gehe jetzt weiter zum kleinsten Grenzübergang und Richtung Nordpol.

Ich komme an einer Infotafel über die Europäischen Fernwanderwege E1 und E6 vorbei. Beide führen hier entlang. Laut Karte folgt der E1 in Dänemark auch dem Hærvejen. Aber ich weiß nicht, das sieht mir eher so aus als würde der E1 dem North Sea Trail folgen. Ich gehe gerade auch noch nicht den Hærvejen. Dann hätte ich von Flensburg direkt ins Landesinnere und bei Padborg über die Grenze gehen müssen. Aber ich hatte mehr Lust, den ersten Tag an der Ostsee entlang zu gehen. Morgen schaue ich dann, dass ich nordwestlich gehe und auf den Hærvejen komme. Dann kann ich einfach erstmal den Markierungen folgen und muss nicht immer wieder auf die Karte schauen für den Weg.

Ich biege in einen Waldweg ein, weg von der Straße. Rechts und links parken Autos, hier sind viele Spaziergänger unterwegs. Dann liegt vor mir der Grenzübergang, eine kleine Holzbrücke mit dem Grenzstein Nr. 1. Auf der deutschen seit mit „DR/P“ und dem Datum 15.06.1920. Auf der anderen Seite der Brücke steht das dänische Gegenstück. Hier gibt es nun das richtige Startfoto. Hej Danmark.

Jetzt ist es nicht mehr weit zum Shelterplatz. Auf den Infoschildern stehen die Übernachtungsregeln, es gibt 2 einfache Shelter und einen dritten Platz im Wald, wo Zelte aufgestellt werden dürfen. Dazu eine Feuerstelle. Die Regeln sind selbstverständlich, keine Müll hinterlassen, Feuerholz darf gesammelt werden, aber es dürfen keine Bäume gefällt oder Äste abgesägt werden. Nur der Wasserhahn funktioniert leider nicht. Gut, dass ich heute Morgen schon meine 2 Liter Wasserblase voll gemacht habe, weil ich nicht wusste, wie das hier mit Trinkwasser ist. Cool finde ich, dass man sich im gesamten Wald frei bewegen darf und sich nicht an die Wege halten muss. Das ist ja eher unüblich, wenn dann steht genau das auf den Schildern – dass man sich an die Wege halten soll.

Ich folge ein Stück dem Gendarmstien, einem anderen dänischen Wanderweg an der Küste entlang. Der Weg ist schön, es geht über einen wurzeligen und steinigen Pfad durch Bäume, direkt neben mir die Ostsee. Da hat jemand sein Zelt direkt am Wasser aufgestellt. Das muss, finde ich, nicht sein, wenn schon extra Flächen ausgewiesen sind, wo es die Möglichkeit gibt, frei zu zelten.

Der Shelter ist ein nicht sehr hoher Holzunterstand mit Holzwänden an 3 Seiten und vorne offen. Das ist ein Traum-Schlafplatz mit direktem Meerblick. Man kann sich einfach mit Matte und Schlafsack auf die Holzfläche legen. Allerdings sind auch hier noch einige Spaziergänger und da fühle ich mich nicht so wohl, mich hier hinzulegen. In meinem Zelt fühle ich mich immer sicherer, auch wenn die Zeltwände nur dünn sind.

Also schaue ich mich nur etwas um und folge dann den Schildern vom Wasser weg in den Wald, wo man Zelte aufstellen darf. Es ist eine schöne Stelle mit ein paar ebenen Flächen und einer Feuerstelle. Das gefällt mir hier. Hinter den Bäumen ist direkt das Wasser, das sind nur ein paar Meter. Und es fühlt sich gut an, dass ich mich mit meinem Zelt nicht irgendwo verstecken muss, sondern ganz legal hier stehen darf.

Ich merke, wie es ab hier Routine ist. Boden prüfen, wo ich gerade liegen kann und die Heringe halten, Zelt aufbauen, umziehen, kochen. Alles hat seinen Platz im Zelt, ich muss nicht darüber nachdenken oder irgendwas suchen. Jetzt fühle ich mich angekommen und bin bereit für das neue Abenteuer. Das hier mag ich so sehr. Hier fühle ich mich echt am wohlsten, in meinem Zelt irgendwo in der Natur. Es gibt ein Curry von Real Turmat, was ich in meinem Schlafsack gekuschelt esse.

Ich hatte mir für den ersten Tag keinen Regen gewünscht, was geklappt hat. Ich glaube, gegen 16:30 Uhr hatte ich mein Zelt aufgebaut, kurz darauf wurde es immer dunkler. Das sollte ich also die nächsten Tage anpeilen, spätestens dann einen Schlafplatz gefunden zu haben. Irgendwann höre ich noch jemanden, der neben mir sein Zelt aufbaut. Es sind also um diese Jahreszeit doch noch andere Wanderer unterwegs hier. Jetzt regnet es immer wieder ein bisschen und ich freue mich, dass ich es gemütlich habe und endlich mal wieder das Gefühl habe, mein Leben zu genießen und was für mich zu tun, was mir gut tut. Und wie ihr seht, ist aus der Schreib-Unlust nun doch ein recht langer Text geworden.


9,2 km
2:15 h
72 hm
75 hm
21 m