Nachts fängt es an zu regnen und ich liege lange wach und lausche den Regentropfen auf dem Zelt und den ganzen Geräuschen im Wald. Irgendwann schlafe ich dann aber doch ein. Frühmorgens wird es ein bisschen frisch in meinem Schlafsack. Ich ziehe ihn an den Schultern etwas enger um mich herum. Das war eine gemütlich-kuschelige Nacht und ich habe gut geschlafen. Ich könnte auch noch eine ganze Weile einfach liegen bleiben, denke aber daran, dass ich schon früh wieder einen Schlafplatz gefunden haben muss und dann ist viel Zeit zum Rumliegen.
Also packe ich alles zusammen und bin gegen 8 Uhr startklar. Das andere Zelt steht noch und ich sehe niemanden. Dafür höre ich ein leises Schnarchen.
Erstmal gehe ich die paar Meter zurück zum Shelter, um nochmal das Meer zu sehen. Der Himmel über mir ist wolkenlos, nur Richtung Südosten ist eine Wolkenfront. Das Wasser ist spiegelglatt. Das sieht super aus. Ich bin froh, dass ich meine eigene Routenvariante gegangen und nicht direkt dem Hærvejen gefolgt bin.

Mein erstes Ziel ist die Tankstelle in Kruså, genauer der Geldautomat dort. Das ist der einzige im Umkreis, den ich gefunden habe. Es ist zum Glück kein großer Umweg. Ich dachte, ich bräuchte kein Bargeld, sondern könnte alles mit Karte bezahlen. So hatte ich es gelesen. Gestern habe ich aber zufällig in der Beschreibung einer einfachen Pilgerherberge entdeckt, dass man die 35 dänischen Kronen Gebühr für Benutzung der Toilette und Dusche entweder mit MobilePay (geht nur mit dänischem Ausweis) oder bar bezahlen kann. Also hole ich besser doch noch ein wenig Bargeld.
Ich folge einem schönen Waldweg und komme an einer Quelle vorbei, wo ein Bach entspringt. Da fülle ich alle Wasservorräte auf. Eine andere Möglichkeit werde ich heute nicht haben. Zumindest laut Karte nicht. Das Wasser ist ganz klar und schmeckt frisch. Nur leicht metallisch, finde ich. Das ist hoffentlich nicht schlimm, das Wasser kommt hier ja erst aus dem Boden gesprudelt.
Ein Stück weiter höre ich nahe Geräusche und schaue mich um. Vor mir rasen zwei Eichhörnchen einen Baumstamm in Spiralen hinab und scheinen sich gegenseitig zu jagen. Sie bemerken mich erst, als sie unten angekommen und direkt neben mir sind und verschwinden dann schnell jedes auf einem anderen Baum.

Ich hebe 500 Kronen ab, was etwa 70 € entspricht. Durch 7,5 teilen ist die Regel. Der Schein ist viel länger als unsere Scheine und ich muss ihn dreimal falten für mein kleines Portemonnaie. In der Tankstelle gibt es auch Snacks und Pizza, ich vergesse aber ganz auf die Preise zu schauen, um mal einen Vergleich zu haben, wie teuer es hier ist. Bei der nächsten Gelegenheit dann.
Nun muss ich einfach nur der Hauptstraße folgen und ich sollte auf den Hærvejen stoßen. Ich bin gespannt, wann ich die erste Markierung entdecke. Der Weg an der großen Straße entlang ist nicht schön, noch weniger das Überqueren der Autobahnauffahrten. Ich laufe neben der Straße auf dem Fahrradweg. Nach etwa 2 Kilometern steht am Rand ein Holzpfahl mit dem ersten Hærvejen-Schild. Ein weißes Männchen auf blauem Grund.

Nun noch ein Stück weiter an der Straße entlang und dann biegt der Weg endlich ab auf einen Waldweg. Ich gehe parallel zur Straße, die auch Hærvejen heißt und höre die ganze Zeit noch die Autos und LKWs. Irgendwann überquere ich die Straße und es geht auf der anderen Seite weiter durch den Wald. In schön herbstlichen Farben. Der Weg oder besser die Schneise durch die Bäume ist super breit, zwischendurch steht vereinzelt ein parkendes Auto da. Aber ich treffe keine anderen Menschen.

Schön ist, dass ich immer wieder ein paar Sonnenstrahlen abbekomme. Dann ist es auch angenehm warm und zwischendurch wünsche ich mir sogar meine kurze Hose her. Sobald die Wolken aber vor der Sonne sind, ist es ziemlich frisch.
Zwischendurch ist mir langweilig, dann kommt mir das Gehen fast meditativ vor, dann schaue ich mich einfach um und denke gar nicht groß nach, dann fühle ich mich etwas gehetzt, weil ich plötzlich denke, ob ich die Strecke in einem Monat auch schaffe, dann ist es wieder langweilig, dann fangen meine Füße an weh zu tun. Es ist sehr wechselhaft heute. Aber vor allem bin ich froh, wieder unterwegs zu sein.
Immer wenn ich durch in Herbsttöne gefärbte Wälder gehe und bunte Blätter hinabsegeln, muss ich an einen Herbsttag in Nordnorwegen denken und habe ein bestimmtes Bild vor Augen. Da sind so viele Blätter gleichzeitig langsam zu Boden gesegelt, dass ich mir vorkam, als würde ich durch einen goldenen Blätterregen laufen. Das war magisch.
Ich habe schon die ersten 13 Kilometer hinter mir und mal wieder keine Pause gemacht bisher. Meine Füße könnten aber eine gebrauchen. Also suche ich mir ein sonniges Plätzchen auf einem trockenen Feldweg. Ich habe gestern im Supermarkt noch ein paar Nudelsuppen mitgenommen, davon gibt es jetzt eine. Es ist eher selten, dass ich mittags meinen Kocher raus hole und was Warmes esse, aber heute ist mir danach. Und Zeit habe ich auch, es ist gerade mal 11 Uhr.

Während ich da sitze, zieht es sich immer weiter zu und die Sonne verschwindet. Also Jacke wieder anziehen, alles einpacken und weiter. Der Weg führt nun durch hohes Gras zwischen Feldern hindurch, dann am Waldrand entlang. Ich bekomme nasse Füße vom Gras.

Es geht lange Zeit direkt neben den Bahngleisen durchs Gras. Dann durch ein Industriegebiet und über asphaltierte, einsame Nebenstraßen an vereinzelten großen Höfen vorbei. Schön, dass es hier nirgendwo Wachhunde zu geben scheint.
Der Weg ist super markiert und ich muss überhaupt nicht mehr auf die Karte schauen zwischendurch. Mache ich zwar trotzdem, aber nur, um zu schauen, was so um mich herum ist.
Inzwischen nieselt es immer wieder ein wenig. Ich gehe an einem Golfplatz entlang und kann dahinter schon den Wald sehen, wo ich heute Nacht mein Zelt aufstellen möchte. Es ist einer der über 275 Fri teltning Wälder im Land, wo man sein Zelt für eine Nacht aufschlagen darf. Dort gilt die 1-2-3-Regel. Maximal eine Nacht mit maximal zwei Drei-Personen-Zelten. Man darf nur unter Bäumen stehen, also nicht auf Lichtungen oder anderen freien Flächen und man darf von Wegen und Straßen aus nicht zu sehen sein.
Da es gerade mal 14 Uhr ist, schaue ich aber erst noch genauer auf die Karte. Dann wäre ja eigentlich noch Zeit etwas weiterzulaufen. Wobei meine Füße schon ziemlich müde sind. Ich schaue mir meine Optionen an, beschließe dann aber hier zu bleiben. Der erste Tag muss ja nicht direkt ein Mammut-Tag werden. Ich folge also der Straße zum Golfplatz und biege dann auf den Waldweg ab. Das sieht nicht so aus, als ob hier viele Leute hergehen. Ich gehe nur ein kleines Stück in den Wald rein, da ich morgen früh sowieso die Straße wieder zurück laufen muss. Ich schaue mich um, ducke mich unter Ästen hindurch und zwänge mich durch das Gestrüpp. Bald bin ich voll von trockenen Tannennadeln, die dabei auf mich herunterrieseln. Es ist überall eng und uneben. Irgendwann finde ich dann eine Stelle, mit der ich mich anfreunden kann. Ich liege Probe, um zu sehen, ob der Boden eben genug ist und baue mein Zelt auf.
Wenn die Schuhe nass sind und ich meine Schlafsocken anhabe, die immer trocken bleiben sollen, ziehe ich mir jeweils eine kleine Mülltüte über die Füße und steige damit in die nassen Schuhe. Das funktioniert super und wiegt kaum etwas. Den Tipp hatte ich mal im Ultraleicht-Trekking-Forum gelesen und bin begeistert davon. So spart man sich ein zweites Paar Schuhe oder das lästige Umziehen, wenn man dann mal kurz aus dem Zelt muss.

Ich esse und kuschle mich in meinen Schlafsack, um mich aufzuwärmen. Das Liegen tut immer gut nach dem vielen Laufen. Ich liege da und wundere mich darüber, wie still dieser Wald ist. Ich höre in der Ferne Autos, wie irgendwie überall hier. Aber überhaupt keine Geräusche im Wald. Das ist fast ein bisschen gruselig. Im Wald hört man doch eigentlich immer irgendein Rascheln oder so. Ich schlafe immer wieder ein und fange dann irgendwann an zu schreiben. Mein Wasser muss bis morgen Mittag reichen, aber bei dem eher kühlen Wetter ist das nicht so ein Problem wie bei Hitze im Sommer. Hier trinke ich sowieso weniger, wenn das Wasser immer so kalt ist.
Sven
Genieß den Blätterregen. Lass dich von den Sonnenstrahlen erwärmen und finde dein Tempo. Die Höhenmeter sollten ja bei dieser Wanderung nicht zu einer wirklichen Herausforderung werden. Vielleicht führt ja dein Weg über den Møllehøj. Kannst ja dort mal schauen ob es ein Gipfelkreuz gibt.
Genieß die Zeit.