Einfach noch liegen bleiben wäre schon schön. Vielleicht doch ein Pausentag? Der Gedanke bleibt aber nicht lange. Ich glaube, heute würde es mir schnell langweilig werden, den ganzen Tag hier herumzuhängen. Bei meinen bisherigen Wanderungen habe ich häufig schon früher den ersten Pausentag gebraucht, weil ich so platt war von den ganzen Höhenmetern oder üble Scheuerstellen an den Füßen hatte. Jetzt freue ich mich eher drauf, nach Viborg zu kommen und mir dann für 2 Nächte ein Zimmer zu nehmen. Ich könnte auch einfach ein oder zwei kurze Tage statt eines Pausentags machen, aber ich habe für heute Abend einen Zeltplatz am See gefunden, der zieht mich nun an.
Angezogen bin ich schon mal. Jetzt noch alles zusammenpacken. Heute bin ich etwas langsamer.

Jetzt bin ich schon eine Woche im November in Dänemark unterwegs und bisher noch gar nicht richtig nass geworden. Damit habe ich nicht gerechnet. Das kann gerne so bleiben. Besonders windig ist es auch nicht bisher. Das kommt dann bestimmt an der Küste.
Der Himmel ist wieder blau und da kein Nebel da ist, bekomme ich auch direkt nach dem Losgehen die ersten Sonnenstrahlen ab.
Der Weg ist unspektakulär. Alles nur Nebenstraßen mit sehr wenig Verkehr. Meistens asphaltiert, zwischendurch Erd- oder Schotterstraßen. Ich bin schnell unterwegs. Erst geht es an unzähligen kleinen Weihnachtsbäumen vorbei, die anscheinend gerade gefällt und für den Verkauf vorbereitet werden. Etwas weiter erinnert mich die Landschaft ans Sauerland. Hügelig, Felder und viel Wald.
Ein paar Höfe, an denen ich vorbeikomme, haben doch Hunde. Das gefällt mir nicht, ich bin gleich etwas angespannt. Aber es geht, die meisten Gärten sind eingezäunt. Und ein Hund steht einfach nur in der Einfahrt, schaut mich an und macht keine Anstalten zu bellen oder näher zu kommen. Da habe ich auch keine Angst. Nur wenn ich das Bellen und Knurren höre oder ein Hund auf mich zugerannt kommt, erstarre ich immer vor Angst. Egal, wie sehr ich mir vorher vornehme, einfach ruhig weiterzugehen und den Hund gar nicht weiter zu beachten. Das ist nervig und anstrengend, dann mit der Angst weiterzugehen. Ich überlege, ob man diese Angst irgendwie loswerden kann. Das würde meine Wanderungen entspannter und manche überhaupt erst wieder möglich machen für mich vom Gefühl. Ich weiß aber nicht, ob es dafür Therapien gibt oder so. Oder ob es einfach helfen würde, das Verhalten der Tiere besser kennenzulernen.
Den Hærvejen kann man übrigens auch mit dem Rad fahren. Da wären die vielen Straßen auch nicht so ermüdend. Gerade haben Wander- und Radweg oft dieselbe Route.

Ich bleibe stehen. Was ist denn da los? Ein ganzes Stück vor mir kommt links aus dem Wald plötzlich eine ganze Gruppe Rehe. Bestimmt 15 Tiere, ziemlich große Rehe. Und dahinter auch noch ein Hirsch. Als wären sie gerade aus einem Wildgehege ausgebüchst. Als Letztes noch zwei Nachzügler. Sie laufen alle nach rechts über das Feld und verschwinden wieder hinter Bäumen. Sind Rehe denn Rudeltiere? Bisher habe ich sie immer nur einzeln oder zu zweit gesehen. Korrektur nach Recherche: Das wird wohl Rotwild gewesen sein, da sind große Rudel typisch und die Größe passt besser. Keine Rehe, sondern Hirschkühe und ein Hirsch.
Nach über 15 Kilometern geht es von der Straße weg. Jedenfalls für ein paar Minuten. Über einen schmalen Weg durch den Wald.
An der nächsten Kreuzung gehe ich etwa 800 Meter in die entgegengesetzte Richtung der Wegmarkierung. An Tag 1 hatte Judith nämlich in ihrem Kommentar den Tipp für Bindeballe Købmandsgård gegeben. Das ist nun mein Ziel für eine Pause.
Zuerst komme ich zu einem alten Bahnhof, die Strecke ist seit 1957 stillgelegt. Auf den Gleisen stehen zwei alte Eisenbahnwagen, die man sich auch von innen anschauen kann.

Gegenüber befindet sich der Kaufmannsladen, der immer noch besteht. Allerdings von außen und innen so hergerichtet, als würden wir uns noch im Jahr 1897 befinden. Ich schaue mich um, es gibt so viel zu sehen. Die Verkaufsräume sind bis unter die Decke voll mit allen möglichen Waren, oben an den Wänden hängen diese Werbe-Emailleschilder, von der Decke baumeln zusätzlich Schnüre mit mehr Ware. Dazu die Tresen mit den großen, alten Kassen. Der Laden an sich ist schon ein Museum. Wo man ganz normal einkaufen kann.

Es gibt auch ein Museum, das spare ich mir aber und frage nach dem Café. Die Verkäuferin leitet mich durch den Hinterausgang über den Innenhof in ein anderes Gebäude. Die Theke ist vollgestellt mit dänischen Köstlichkeiten. An der Kuchentheke bin ich gar nicht mal so sehr interessiert, sondern an den typisch dänischen Gerichten. Wie überall gibt es auch hier Smørrebrød, üppig belegte Roggenbrote mit nett dekorierten Toppings. Die sieht man wirklich ständig, im Supermarkt an der Frischetheke, beim Bäcker, in Cafés. Die alte Dame spricht ein wenig Englisch und nach ein paar Erklärungen suche ich mir ein herzhaftes und ein süßes Teil aus, die ich beide noch nicht kenne. Ein „Croissant med hønsesalat og sprød bacon“ und „Klejne“.

Dazu einen warmen Kakao. Nachdem ich beantwortet habe, was ich für eine Wanderung mache, meint sie leise, ich könne mir auch ruhig noch einen zweiten Kakao machen, wenn ich möchte. Sehr lieb.
Es ist alles sehr lecker. Das Croissant ist gefüllt mit grünem Salat, einem cremigen Hühnchensalat mit Spargelstückchen und obendrauf krosser Bacon. Das süße Teilchen ist wohl ein Weihnachtsgebäck, ich schmecke eine leichte Ingwernote. Den zweiten Kakao hole ich mir auch noch und sitze noch eine Weile rum. Das hat sich gelohnt, den Abstecher hierher zu machen.
Dann geht’s zurück zum Abzweig und wieder auf den Hærvejen, der nun mal wieder ewig lang einfach nur geradeaus führt. Immerhin auf einem Spazierweg. Man merkt, dass Wochenende ist, ich treffe einige Spaziergänger und Radfahrer.
Zumindest die Landschaft ändert sich hier zwischendurch mal rechts und links vom Weg. Eine leuchtend grüne Wiese mit kurvigem Bach, dann nasser Sumpf mit beigen Gräsern.

Ich höre den ganzen Weg über immer wieder Schüsse. Irgendwann sehe ich dann durch die Bäume am Rand eine Gruppe Jäger. Es müssen aber noch viel mehr auf der Ebene verteilt sein, den Schüssen nach zu urteilen. Ich bin ein bisschen erleichtert, als einer von ihnen mich sieht und grüßt. Was natürlich bescheuert ist, sie werden ja keine anderen Menschen gefährden, auch wenn sie so nah am Weg stehen und anscheinend im Gebüsch irgendwas suchen. Oder suchen lassen von ihren Hunden.
Irgendwann komme ich dann nach Vingsted, wo ich mein Zelt aufstellen möchte für die Nacht. Ich gehe am Sportangelverein vorbei und suche die Schilder für den Übernachtungsplatz. Ich nehme den Weg unten am See entlang. Ob das normal ist, dass die Bäume so weit im Wasser stehen?

Ein Stück weiter verschwindet auch der Pfad im Wasser. Das beantwortet es wohl. Der See scheint sehr viel Wasser zu haben gerade. Also drehe ich um und nehme den anderen Weg oberhalb. Der Zeltplatz ist klein und gefällt mir irgendwie nicht. So schattig und dunkel, eingepfercht zwischen den hohen Bäumen und einem Hügel. Und den See sieht man auch nicht von hier. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich schaue auf die Karte, wo denn der nächste Platz wäre. 4,5 Kilometer weiter. Es ist kurz nach 15 Uhr. Das schaffe ich, bevor es dunkel wird. Ohne lange zu überlegen, gehe ich weiter.
Also nun wieder auf die lange Gerade.

Meinen Füßen geht es ganz gut heute. Ich merke nur seit gestern Abend in der linken Wade so einen Knubbel, der sich etwas verhärtet anfühlt. Das merke ich nun immer mehr. Aber das letzte Stück ist schnell geschafft. Vor 16 Uhr bin ich angekommen. Wie einmal mit den Fingern schnipsen quasi.
Die Wiese bietet 3 große Shelter, einen Unterstand mit Feuerstelle und jede Menge Platz für Zelte. Ich habe schon vermutet, dass man am Samstagabend selbst im November hier nicht alleine ist. Und so ist es auch. Eine Familie sitzt um das Feuer und grillt Marshmallows. In einer Ecke hat jemand ein großes Zelt aufgebaut und auch sie haben ein Feuer gemacht. Mal sehen, wie ruhig es hier ist später, man kann direkt an der Wiese parken, ein paar Autos stehen dort auch. Ich mache einen Rundgang und finde den perfekten Platz für mein Zelt etwas abseits zwischen Bäumen. Das gefällt mir.

Jetzt kommt der gemütliche Teil. Umziehen, warm einpacken, kochen und während die Trekkingnahrung das heiße Wasser aufnimmt, kann man den Beutel super als Wärmflasche benutzen. Heute wärme ich meine Füße und meine Hände daran. Als ich nach dem Essen nochmal aufstehe und zu den Mülltonnen laufe, merke ich ganz schön meine Beine. Statt Pausentag waren es jetzt ja auch ungeplant wieder über 30 Kilometer.
Ich schaue mir noch kurz die Route für die nächsten Tage an. Wenn ich 5 Tage mit je etwa 25 Kilometern gehe, bin ich in Viborg. Oder 4 Tage mit 33 Kilometern. Ich plane die 5 Tage ein. Bis auf morgen ist es einfach mit Schlafplätzen. Für morgen schreibe ich dem Hærvejscenteret in Kollemorten eine E-Mail, ob ich mein Zelt aufstellen darf.
Judith
Das ist so spannend, den Weg zu einer anderen Jahreszeit nochmal mitzuerleben. Ich hatte übrigens im Sommer deutlich mehr Regen (zumindest auf diesen ersten Etappen). Hoffentlich hält das gute Wetter noch eine Weile!
Es freut mich, dass sich der Abstecher nach Bindeballe für dich auch gelohnt hat. 🙂 Für mich war das dort die Belohnung nach den vielen Straßenabschnitten zuvor. Kollemorten fand ich sehr nett zum Übernachten. Und wenn ich es richtig im Kopf habe, gab es am Tag danach einige richtig schöne Wege.
Ich wünsche dir weiterhin eine gute Tour!
Mir geht es mit Hunden beim Wandern übrigens auch so, obwohl ich sonst eigentlich keine Angst vor Hunden habe. In Dänemark und Norwegen hatte ich da keine Probleme, aber in Österreich passiert es mir sehr oft, dass mir Hund bellend entgegenrennen, während die Besitzer weit weg sind, oder dass ich durch Höfe gehen muss, auf denen Hunde frei herumlaufen. Das mag ich überhaupt nicht!
Pa
Schöne Fotos – wie immer!! – mein heutiger Favorit ist das Foto von dem „Tante Emma Laden“!
Ich wünsche weiterhin eine schöne Tour!!!
… und möglichst nur gut erzogene Hunde!
Sven
Wenn du mit dem Finger schnipsen deine Wanderungen machen würdest, wären es doch nicht deine Wanderungen. Ich hoffe sehr dass nun schöne Wege kommen. Ansonsten denken wir uns die schönen Wege einfach.
Bei den süßen Köstlichkeiten würde ich dir helfen die komplett durchzutesten. Es ist so wunderbar zu lesen, dass du meistens auf super freundliche Menschen triffst.