Heute ist ein besonderer Tag – heute geht es mit gewaschenem Gesicht los. Dank des fließenden Wassers im Toilettenhäuschen. Ohne auf die Zeit zu schauen, bin ich wieder um Punkt 8 Uhr startklar. Das ist wohl meine Zeit aktuell.

Es ist bewölkt, aber zwischendrin ist ein bisschen blauer Himmel zu sehen. Und es ist sehr viel milder als gestern, das ist angenehm. Wasser brauche ich nicht mitzunehmen, laut Karte gibt es unterwegs genügend Wasserstellen. Also ist mein Rucksack auch 2 Kilo leichter.

Ich spaziere los, entdecke direkt drei Eichen, telefoniere mit meiner Mama und bin gut drauf. Auch der Weg ist ganz schön, durch den Wald und über ein paar Bäche.

Es folgt sogar ein Holzsteg, wo es wohl häufig sumpfig ist. Der Weg will sich anscheinend heute besondere Mühe geben, mir ein bisschen was zu bieten und mir zu gefallen.

Nach ein bisschen Schotterstraße, die ja trotzdem nicht fehlen darf, komme ich an den Fluss Kongeåen. An einer alten Mühle biege ich auf den Kongeåstien ab. Der Weg führt mich auf einem nassen Wiesenpfad am Fluss entlang.

Das ist nur ein recht kurzes Vergnügen, dann geht es schon wieder etwas weg vom Fluss und stattdessen an Feldrändern weiter und vorbei an einem Picknickplatz. Aber es folgt noch ein Highlight, denn ich stehe auf einer kleinen Anhöhe und kann ganz weit über die Flussebene schauen. Also weit für dänische Verhältnisse. Ich freue mich riesig über solche Kleinigkeiten hier.

Ein bisschen Abenteuer hat der Pfad auch noch in petto. Der Holzsteg endet etwas zu früh und der Sumpf dahinter sieht etwas tiefer aus. Da möchte ich ungern mit meinen Füßen durch. Ich teste vorsichtig, wie weit der dicke Ast versinkt, wenn ich mich mit einem Fuß darauf stelle. Es reicht gerade, dass meine Füße nicht nass werden. Dann vorsichtig ausbalancieren, nicht das Gleichgewicht verlieren und den anderen Fuß auf zwei überkreuzte kleinere Äste setzen. Noch 2 Schritte und dann ist die Wiese wieder fest.

Weiter geht es über kleine Straßen, durch Wälder, an einer Pilgerunterkunft vorbei, an unzähligen großen Anwesen und Reiterhöfen entlang. Die Straßen stören mich heute nicht so, ich laufe einfach vor mich hin.

Vor der Stadt Vejen gehe ich durch ein riesiges Neubaugebiet. Der Radweg schlängelt sich zwischen den kleinen Häuschen hindurch. Fußwege braucht hier wohl niemand. Das will gar kein Ende nehmen. Ein paar Kinder auf ihren Rädern fahren immer wieder hin und her, ein Junge sagt auch irgendwas auf Dänisch zu mir, was ich nicht verstehe. Beim nächsten Mal sagt er auf Englisch Hallo.

In Vejen komme ich an Sportanlagen vorbei und einer Schule. Hier ist ganz schön viel los. Vielleicht ist gerade Schulschluss. Bis ins Zentrum gehe ich zwischen Grüppchen von Jugendlichen. Mir ist es hier aber ein bisschen zu voll und ich bin froh, wenn ich wieder aus der Stadt raus bin.

Da ich gerade keine Lust auf eine Nudelsuppe zur Stärkung habe, kaufe ich mir im Supermarkt ein belegtes Baguette. Das esse ich beim Gehen. Nach Pause im Sitzen und wieder frieren dabei ist mir nicht. Ich hatte auch überlegt, mich in ein Café zu setzen. Es ist das erste Mal, dass tatsächlich etwas geöffnet hat. Aber auch darauf habe ich nun doch keine Lust. Meine gute Laune von heute Morgen leidet gerade etwas.

Und sie leidet noch mehr als ich merke, dass die nächsten 10 Kilometer wahrscheinlich so aussehen. Auf dem Radweg an der Straße entlang.

Meine Füße werden schnell müde auf dem Asphalt. Mein Kopf auch. Es geht für eine Weile nochmal weg von der Straße, aber dann eben weiter über asphaltierte Nebenstraßen. Schöner ist nur, dass hier sehr wenige Autos fahren.

Ich bräuchte aber doch mal eine Pause. Und da die Sonne gerade rausgekommen ist, stelle ich auf dem Grünstreifen neben der Straße meinen Rucksack gegen einen Baum, setze mich davor und habe eine gemütliche Lehne. Das tut gut, die Beine kurz zu entspannen. Ich mache die Augen zu. Nach ein paar Minuten verschwindet die Sonne schon wieder hinter einer großen Wolke. So ist es mir zu kalt, also gehe ich weiter. Aber selbst die paar Minuten haben geholfen.

Bevor es wieder auf den Radweg an der Hauptstraße geht, komme ich noch an diesem Haus vorbei. Da kann es wohl jemand gar nicht erwarten, dass Weihnachten ist. Oder vielleicht dekorieren sie das ganze Jahr so. Da stehe ich gar nicht drauf.

Jetzt dann wieder auf den Radweg. Noch 5 Kilometer. Das ist echt zäh. Hier nimmt man am besten die Freude über die schönen Abschnitte mit, um dann genug Kraft zu haben auf den ganzen Straßenabschnitten.

Irgendwann komme ich im kleinen Ort Bække an. Dort gibt es wieder einen Park mit drei Sheltern und Feuerstelle. Dazu ein freundliches Schild, wo man Toiletten, Dusche und Wasser findet. Das ist echt schön, dass man als Wanderer oder Radfahrer hier überall so willkommen ist. Ich mache einen Rundgang, das gefällt mir hier. Dann gehe ich die Straße noch etwas weiter zur Touristinfo und fülle dort mein Wasser auf. Ich versuche mein Glück nochmal im kleinen Supermarkt und dieses Mal gibt es auch einzelnes Obst. Ich habe richtig Lust auf irgendwas Frisches und Saftiges. Es wird eine Birne und dazu noch ein Heidelbeer-Trinkjoghurt.

Jetzt ist es fast 15 Uhr. Eigentlich hatte ich schon entschieden, dass ich hier bei den Sheltern mein Zelt aufstelle. Aber nur 2 Kilometer weiter ist noch ein Shelterplatz. Hier müsste ich ja jetzt 500 Meter zurückgehen. Verschenkter Weg. Die 2 Kilometer schaffe ich nun auch noch, ich habe wieder etwas Energie. Und dann sind es morgen 2 Kilometer weniger. Wo doch morgen eigentlich mein erster Pausentag wäre. Den lasse ich aber ausfallen und gehe, denke ich, bis Viborg weiter ohne Pausentag. Einen ganzen Tag Pause brauche ich bisher nicht und das gibt mir etwas mehr Luft auf der zweiten Hälfte an der Küste entlang.

Ich folge also den Schildern aus dem Ort raus und dem Schotterweg. Vorbei an 2 großen Feldern voller kleiner Tannenbäume, wahrscheinlich für den Weihnachtsbaumverkauf. Ein Stück verläuft hier nun der Kyst til Kyst Stien parallel. Ein Wanderweg quer durch Dänemark, von Küste zu Küste.

Hinter ein paar Bäumen liegt eine große Wiese und auch hier steht ein herzliches Willkommensschild. Man darf sogar 2 Nächte bleiben und im Clubhaus der Pfadfinder ein Stück weiter die Toilette nutzen.

So ähnlich sehen eigentlich alle Shelterplätze aus hier. Ein paar Holzunterstände, vorne offen, wo man sich reinlegen kann zum Schlafen und eine Feuerstelle. Und Mülleimer gibt es überall, meinen Müll muss ich nie lange mit mir rumtragen, wenn überhaupt.

Ich stelle mein Zelt auf der anderen Seite der Wiese auf, in einer geschützten Ecke dicht bei den Bäumen. Ich weiß nicht, ob ich auch mal eine Nacht im Shelter schlafe. Mein Zelt ist mein Wohlfühlort beim Wandern.

Dass man einfach immer und überall eine große Straße oder Autobahn hört, da habe ich mich inzwischen dran gewöhnt. Manchmal wache ich morgens auf und meine Ohren sind erst nur auf die nahen Geräusche um mein Zelt herum eingestellt, Blätter rascheln, Äste knacken, Wind in den Bäumen. Nach einer Weile dringt dann plötzlich auch das Rauschen der Autos wieder in mein Bewusstsein.

Ein gutes Thermometer sind nun meine Hände, nachdem ich geschrieben habe. Ich habe keine Gradzahl, aber heute sind sie nicht erfroren wie gestern. Nicht mal kalt.


31,2 km
6:25 h
188 hm
136 hm
99 m