Ich bin gestern doch einem anderen Menschen begegnet, da habe ich beim Schreiben nicht mehr dran gedacht. Einem Spaziergänger mit seinem großen Schäferhund an der Leine und seinen 2 Katzen, die nebenher liefen. Ein seltenes Bild.
Ich habe mir um 7 Uhr den Wecker gestellt, bleibe aber noch etwas liegen. Und könnte auch gefühlt noch länger liegen bleiben. Dabei habe ich doch gestern Nachmittag schon geschlafen. Also gut, dann verlasse ich die gemütliche Wärme meines Schlafsacks. Wobei es bisher nicht so kalt und ungemütlich ist, wie ich es mir vorher ausgemalt hatte.
Ich leuchte mit meiner Stirnlampe in meine Schuhe, bevor ich sie anziehe. Mir graust es immer vor Spinnen oder Nacktschnecken, die gerade in feuchten Wäldern gerne nachts mein Zelt empor klettern oder meinen Rucksack verschleimen.
Zum Zähneputzen reicht mein Wasser noch. Ich bin wieder gegen 8 Uhr startklar. Ob ich mein Zelt nun regelkonform aufgestellt hatte, weiß ich nicht so genau. Man kann nicht erkennen, was ein Waldweg ist und was nur eine Schneise durch die Bäume. Zugewuchert ist alles mehr oder weniger. So oder so bin ich wahrscheinlich der einzige Mensch in diesem Wald.
Ich gehe den Weg zurück, den ich gestern gekommen bin. Am Golfplatz vorbei und wieder auf den Hærvejen. Und folge der erdigen Straße. Weiter und immer weiter geradeaus.

Ich quere eine Hauptstraße und weiter geht es am Straßenrand entlang. Hier ist zwar sehr wenig Verkehr, aber so richtige Wanderwege sind das nun nicht. Alles was ich sehe sind Felder und Bäume, zwischendurch Höfe mit riesigen Scheunen, in denen ich die Kühe hören kann.
Ich quere noch eine Straße und der Blick nach vorne verspricht mehr Straße, immer noch weiter geradeaus.

Ich komme an einer Gedenkstätte vorbei. Kann aber die dänischen Schilder nicht lesen. Ein Shelter gibt es hier auch wieder zwischen den Bäumen. Die Straße ist nun asphaltiert und meine Füße sind vom eintönigen Gehen jetzt schon müde. Heute ist es windiger, da kann ich doch gut mal meine neue Windhose testen. Meine Windjacke habe ich eh schon an. Es dauert eine Weile, dann fühlen sich meine Beine wirklich wärmer an. Dazu noch Mütze und Handschuhe. Wobei ich immer wieder wechsle. Ohne Wind ist es mir direkt wieder zu warm.
Ich muss nun ein Stück direkt an der viel befahrenen Hauptstraße gehen. Durch 2 Kreisverkehre, immer auf dem Radweg. Bürgersteige gibt es nicht. Aber zumindest ist durch den leeren Radweg genug Platz für mich neben den Autos. Hoffentlich geht es heute auch nochmal weg von der Straße. Fast 10 Kilometer habe ich schon. Zwischendurch regnet es leicht und ich ziehe meine Regenjacke auch noch über.
Ich biege ein paar Mal ab und für ein paar Minuten kann ich sogar über die Wiese einem Pfad folgen. Dann wieder Straße und geradeaus. Meine Füße schmerzen. Ich könnte auch einfach meinen Rucksack abstellen und mein Zelt aufbauen und nicht mehr weitergehen. Aber ich freue mich auf den Supermarkt in Rødekro. Mal sehen, ob ich was typisch dänisches finde, was ich probieren kann.
Am Anfang des Ortes fülle ich auf dem Friedhof erstmal alle Wasservorräte wieder auf. Eine Toilette gibt es auch. Und sein Zelt dürfte man hier aufstellen, das sieht nett aus. Ich möchte aber noch weiter und die ganze Straße hinter mich bringen. In der Hoffnung, dass es morgen andere Wege gibt.

Ich laufe an den Häusern vorbei zum Supermarkt. Auf dem Friedhof waren ein paar Leute. Ich sehe vor den Häusern die Autos parken, aber kein Licht irgendwo, alles dunkel und weder draußen noch drinnen sehe ich Menschen. Es wirkt so ausgestorben irgendwie. Erst auf dem Parkplatz vom Supermarkt ist wieder Leben.
Ich streife durch die Regale des Super Brugsen, meines ersten dänischen Supermarktes. Ich schaue nach Obst, aber Äpfel gibt es nur ein großen Tüten, nicht einzeln. Sowieso kommt es mir so vor, als würde viel nur in Großpackungen verkauft. Ich nehme mir einen Smoothie mit, den ich gleich direkt trinken kann und noch eine Tüte Chips und eine Tafel dunkle Marzipan-Schokolade. Sowas kaufe ich auch nur beim Wandern. Ansonsten bin ich eigentlich gut versorgt, ich habe Trocken-Gerichte für abends und Nudelsuppen, Energieriegel, Knäcke und Trockenobst für tagsüber.
Beim Bäcker suche ich mir dann eine Kanelsnegle aus zum Probieren. Eine dänische Zimtschnecke. Ich frage nach, wie man das ausspricht: Kaneelsneil. Okay, oder so. Das Gebäck ist ganz anders als die norwegischen Zimtschnecken, die ich so gerne mochte. Aus Blätterteig statt Hefeteig, eher fest und in der Mitte mit ein bisschen Pudding gefüllt. Anders, aber lecker.
Nach meinem kleinen Picknick auf dem Parkplatz geht es weiter. Leider nicht groß anders als vorher. Nach einer Stunde freue ich mich dann über weiche Wiese unter meinen Füßen. Zumindest für ein paar hundert Meter. Mit Blick auf die Autobahn rechts in der Ferne. Mir kommt eine Reiterin entgegen. Das war es dann auch an Begegnungen bisher.

Heute muss ich an ein paar Ecken dann doch auf die Karte schauen, weil die Wegmarkierung nicht so eindeutig ist oder fehlt. Vor allem möchte ich nicht in die falsche Richtung laufen und dann Zusatz-Kilometer machen müssen. An einem Hof zeigt ein Schild eindeutig nach rechts, also laufe ich nach rechts. Stehe aber dann vor einem großen Kuhstall, wo es nicht weiter geht. Erst bei näherem Hinschauen sehe ich, dass mit rechts nur der rechte Pfad hinter den Bäumen über die Wiese gemeint ist. Der aber weiter geradeaus führt. Links der Bäume ist die Straße mit dem Radweg.
Nach ein paar Minuten führt der Trampelpfad dann weg von der Straße und ich folge einem richtig schönen Waldweg. Das macht gleich viel mehr Spaß. Auch wenn meine Füße inzwischen auch auf dem weichen Waldboden schmerzen. Dafür war es schon zu viel Asphalt heute.

Die Freude hält ganze 8 Minuten. Der Waldweg endet auf einem kleinen Parkplatz mit Picknicktisch. Und ich muss wieder der Straße folgen. Ich stelle mich darauf ein, dass es nun diese Nebenstraße die letzten 2 Kilometer bis zu meinem Ziel für heute sein wird.

So ist es. Zumindest ein Autofahrer grüßt mich und ein Radfahrer dreht sich beim Fahren zu mir um, ruft „Hej“ und strahlt mich an.
Die kleine Steinbrücke Immervad Bro ist wohl eine der wenigen, die vom ursprünglichen Hærvejen noch erhalten ist. Was ich übrigens auch von den Infotafeln gestern erfahren habe ist, dass der Hærvejen gar kein Pilgerweg war oder zumindest war das nicht sein Hauptzweck. Er war vor mehreren tausend Jahren die Hauptverkehrsachse für Viehtreiber, Händler und Heere. Auf diesem Weg mussten kaum Flüsse überquert werden. Später wurde der Weg dann auch von Pilgern auf dem Weg nach Rom, Santiago oder Jerusalem genutzt. Heute wird er als Pilgerweg und skandinavischer Zubringer der Jakobswege vermarktet.

Kurz hinter der Brücke habe ich mein Ziel erreicht. Die Pilgerherberge Immervad. Rechts der Straße steht ein großes Bauernhaus und mehrere Scheunen, links ist eine Wiese mit Picknickbänken als einfacher Zeltplatz. Ich schaue mich um. An einem Baum hängt ein Zettel, dass man für 30 dänische Kronen, also etwa 4 Euro, sein Zelt aufstellen und Toilette, Dusche und Küche mitbenutzen darf. An der ersten Scheunentür steht „Hærvejs-Herberg“. Die Tür ist unverschlossen. Drinnen stehen zig Stockbetten und ein großer Esstisch. Es gibt eine kleine Küchennische und 2 Bäder. Im Gästebuch ist der letzte Eintrag von Ende September.

Das ist die Herberge, wofür ich extra Bargeld geholt hatte. Die Info war aber wohl veraltet, inzwischen kann man neben dem dänischen MobilePay nämlich auch mit PayPal bezahlen. Ich stelle mein Zelt hinter der Wiese zwischen den Bäumen auf, da fühle ich mich wohler, als direkt an der Straße. Auch wenn hier kein Verkehr ist.

Aus dem Bauernhaus kommt ein Mann mit zwei Hunden und winkt mir zu. Das ist dann wohl normal hier, dass man einfach kommt und geht und die Bezahlung auf Vertrauen beruht. Das ist super.
Ich koche Wasser in der Küche, lade mein Handy, mache es mir zum Essen aber dann im Zelt gemütlich. Durch die Bäume kann ich einen wunderschönen Sonnenuntergang beobachten. Am Horizont ist nur ein schmaler Streifen nicht von dunklen Wolken verhangen und leuchtet ganz strahlend orange.