Gestern Abend gab es übrigens Rentiereintopf. Was man so isst beim Wandern, oder? Auf jeder Wanderung habe ich mit dem Essen von Real Turmat ein Stück Norwegen dabei. Und ich sage euch, die Gedanken, Norge på langs nochmal zu wandern, sind da. Aber nichts konkretes bisher, es gibt erstmal noch andere Länder, die ich kennenlernen möchte. Im Moment steht Schottland für nächstes Jahr hoch im Kurs bei mir. Aber zurück ins Hier und Jetzt.
Pünktlich mit dem Sonnenaufgang um 7:30 Uhr gehe ich los. Gestern Nacht lag ich immer wieder wach und habe dann irgendwann einfach mein Hörspiel weiter gehört. Zwischendurch habe ich versucht, die Maus zu erwischen, die wohl versucht hat, an den Müsliriegel zu kommen, den ich in einer Tasche außen am Rucksack habe stecken lassen. Ich habe abends nicht daran gedacht, dass die kleinen Waldbewohner daran Interesse haben könnten. Jedes Mal wenn ich aber das knistern höre und meine Stirnlampe einschalte, ist der Übeltäter schon wieder weg. Ich nehme einfach an, dass es eine Maus war. Erfolgreich war sie aber nicht, hing wohl zu weit oben für sie.
Ich mag die friedliche Morgenstimmung immer, wenn ich so früh starte. Wenn der Nebel noch über den Wiesen liegt und das Licht ganz sanft ist. Der Himmel ist wieder blau und wolkenfrei. Es ist kalt und das Gras ist weiß von Frost überzogen.
Etwa eine halbe Stunde muss ich an der Straße entlanggehen bevor ich wieder auf den Hærvejen treffe. Leider geht die Sonne hinter mir auf und ich kann das Schauspiel nicht beim Gehen beobachten. Ich drehe mich aber immer wieder mal um. Durch den Nebel sieht es aus wie durch eine Milchglasscheibe.

Es geht durch eine kleine Ortschaft und dahinter über Schotterwege und Wiesenpfade weiter. Obwohl der Himmel so strahlend blau ist, bekomme ich lange noch keine Sonne ab. Sie braucht fast bis mittags, bis sie hoch genug über dem Nebel steht.
Das sieht ja aus wie ein Regenbogen – nur nicht bunt, sondern aus weißem Nebel. Ich kneife die Augen zusammen und schaue genauer hin. Recht schwach, aber doch gut zu sehen. Das ist ja lustig. Ein kompletter Bogen spannt sich da über die Landschaft, ein Nebelbogen. Das habe ich noch nie gesehen so. Und er bleibt auch die ganze Zeit da und löst sich nicht nach einer Weile auf oder so. Könnt ihr meinen Nebelbogen erkennen auf dem Foto?

Von einer kleinen erdverschmutzten Straße zeigt der Wegweiser nach links in den Wald. Ich schaue auf die Karte. Wenn ich einfach für 3 Kilometer der Straße folge, komme ich am selben Punkt raus, wie der markierte Weg durch den Wald, der fast doppelt so lang ist. Ich überlege hin und her. Auch wenn es heute ein langer Tag wird, entscheide ich mich am Ende trotzdem für den Waldweg.
Die Halloween-Dekoration ist hier noch überall intakt. Vielleicht sieht man vom Frost die ganzen Spinnenweben so gut.

Hier hat jeder Weg durch den Wald seinen eigenen Namen, auch wenn es nur Spazierwege sind.

Irgendwann komme ich dann auf einen schmalen Pfad, wahrscheinlich der schönste der ganzen Tour bisher. Es geht am Hang entlang, immer wieder hoch und runter, über Wurzeln, links von mir ein kleiner Fluss. Als Bonus taucht die Sonne alles in ein tolles Licht. Da hat es sich doch gelohnt, den längeren Weg zu nehmen.

Als ich aus dem Wald raus bin, wechseln sich wieder kleine unbefahrene Nebenstraßen und Wald- oder Wiesenwege ab. Asphalt ist immer wieder dabei, hat aber inzwischen den kleineren Anteil.
Ein Bauer steigt gerade aus seinem Traktor und spricht mich an, als ich vorbeilaufe. Wie reden eine ganze Weile und er meint, es wäre schön dort, wo ich heute Abend mein Zelt aufstellen möchte. Er fragt mich, wie lange ich für die ganze Tour brauche – 2 Wochen? Naja, nicht ganz. Er hat die Länge Dänemarks und wie viele Kilometer man so am Tag schafft wohl noch nicht zusammengebracht.
Mein Zwischenziel ist der Ort Jels, da will ich Pause machen. Ich gehe einen kleinen Umweg, um die alte Mühle zu sehen.

Dann geht es schnell zum Supermarkt, wo laut Schildern die Toilette sein soll. Natürlich muss ich gerade dann, wenn ich in den Ort komme und nicht mehr schnell hinter einem Baum verschwinden kann. Aber dann kann ich mir ja auch gleich was schönes zum Pausen-Picknick mitnehmen. Ein Stück weiter gibt es schöne Plätze direkt am großen See.

Ich setze mich auf den Holzsteg vom Winter-Badeplatz. Da schwimmen doch tatsächlich 2 Menschen in dem eisigen Wasser. Ganz seelenruhig. Da würde mich niemand reinbekommen gerade. Die Sonne strahlt, aber hat nicht mehr genug Kraft, mich komplett zu wärmen. Ich lasse meine Beine baumeln, 20 Kilometer habe ich schon geschafft. Und stärke mich mit Baguette mit Aioli und kleinen Tomaten. Dafür habe ich gerade umgerechnet etwa 13 Euro bezahlt. Schon teuer. Ich weiß aber gerade nicht, was das bei uns gekostet hätte.
Ich habe es etwas unterschätzt, wie kalt es trotz Sonne ist. Ich hätte für die Pause meine Daunenjacke überziehen sollen. Selbst schuld. Jetzt brauche ich ewig, mich wieder warmzulaufen. Der Pfad führt noch eine ganze Weile weiter um den See herum.

Dann ein schöner Waldweg, Straße, Wiese zwischen Feldern, Straße, Wald. Ab Kilometer 26 wird mir langweilig. Der steinige Weg durch den Wald führt einfach ewig geradeaus, nicht mal ein bisschen Abwechslung. Und so wie es auf der Karte aussieht, geht das nun auch die nächsten Kilometer so weiter.
Ich überlege, ob ich mein Hörspiel höre beim Gehen. Aber ich möchte lieber die Umgebungsgeräusche hören. Dann fällt mir ein, dass ich mehr über Bäume lernen wollte, ich würde sie gerne erkennen und bestimmen können. Also lade ich die App Flora Incognita. Empfang hat man hier überall. Ich suche mir einen Baum aus, laut App ist es eine Rotbuche. Ich lese mir den Text durch und schaue die Referenzbilder an. Das kann aber nicht stimmen. Buchen sollen eine glatte Rinde haben, mein Baum hat aber eine dicke Rinde mit tiefen Rillen. Mal sehen, was die KI dazu sagt. Und sie kann tatsächlich das Mysterium aufklären. Mein Baum ist eine Eiche und die Blätter auf dem Boden darunter sind gar nicht von der Eiche, sondern von den ganzen Buchen drumherum. Aha, ich hatte für Flora Incognita so ein Blatt vom Boden fotografiert, weil der Baum keine Blätter mehr hat auf meiner Höhe. Na dann, konzentriere ich mich doch erstmal auf Buchen und Eichen. Wo ich jetzt von beiden die Erkennungsmerkmale kenne. Ich finde es ganz interessant, wie der Blick sich irgendwann auf die Bäume einstellt und man mehr erkennt. So vertreibe ich mir die nächsten 2 Kilometer. Irgendwann gehe ich dazu über, die Blätter auf dem Boden zu betrachten und dazu dann die passenden Bäume zu finden. Es ist ein Buchenwald, zwischendrin Eichen und Birken. Birken sind ja einfach zu erkennen mit ihrem weißen Stamm, ich wusste aber nicht, wie die Blätter aussehen.
Genug für den ersten Tag an Baumkunde, jetzt geht’s eh zwischen Nadelbäumen weiter. Die nehme ich mir wann anders vor.
Ab Kilometer 29 haben meine Beine und Füße keine Lust mehr. Aber die letzte Stunde schaffe ich jetzt auch noch. Der letzte Kilometer geht dann nochmal an einer Straße entlang und ich schleiche nur noch vor mich hin bis ich endlich in Skodborg ankomme. Der Shelterplatz, den ich mir für heute ausgesucht habe, ist direkt am Ortsrand. Zum Supermarkt brauche ich nicht, ich habe genug zu essen und außerdem bin ich immer noch satt von dem ganzen Baguette heute Mittag. Also folge ich direkt den Schildern zum Unterstand. Der befindet sich in einem kleinen Park mit viel Wiese. Es gibt eine Toilette, einen Wasserhahn und einen großen runden Unterstand mit Liegeflächen und einer Feuerstelle in der Mitte. Ich stelle mein Zelt einfach daneben auf der Wiese auf. Die Spaziergänger, die mit ihren Hunden vorbeikommen lächeln mich an oder bemerken mich überhaupt nicht.

Das tut gut, die Schuhe auszuziehen. Ich ziehe mich um und schlüpfe in meinem Schlafsack. Herrlich. Erst die Anstrengung und dann ausgepowert die Füße hochlegen.
Ich muss später nochmal aufstehen und kann schon ganz viele Sterne sehen. Und jetzt muss ich dringend das Handy weg legen, meine Handy sind nämlich ziemlich erfroren nach dem ganzen Schreiben. Heute ist definitiv der kälteste Tag bisher.
Sven
Tja es gibt nicht nur dänische Bauern die dir diese Wanderung in 2 Wochen zutrauen würden.
Hoffentlich ist die Maus dageblieben wo du losgelaufen bist. Irgendwann werde ich den Wunsch äußern, dass wir zusammen diesen legendären Rentiereintopf essen sollen.
Die Bilder sind wieder mal phänomenal.