Als ich gestern Abend nochmal aus dem Zelt musste, war der Himmel total sternklar. Durch das wenige Streulicht waren richtig viele Sterne zu sehen. Wunderschön.
Die Nacht ist ruhig. Meine Füße fühlen sich erholt und wieder fit an. Ich tape trotzdem meine Ballen als Blasenvorsorge. Als ich rübergehe zur Herberge, ist der Himmel komplett wolkenfrei. Das erklärt auch, wieso es sich so viel kälter anfühlt als die letzten Tage. Es fühlt sich schon richtig frostig an und ist bestimmt nur knapp über 0 Grad. Also schnell zusammenpacken und dann warmlaufen.
Als ich kurz später losgehe, ist nichts mehr vom blauen Himmel zu sehen. Ich schaue irritiert nach oben. Als ob plötzlich ein grauer Vorhang zugezogen worden wäre. Man sieht auch keine Wolkenkonturen, es ist einfach nur alles hellgrau.
Ich gehe ein kurzes Stück am Straßenrand entlang und biege dann auf einen unbefestigten Fahrweg ab. Das ist schon angenehmer. Es fahren keine Autos und rechts von mir liegt ein Sumpfgebiet. Es fühlt sich etwas mehr wie ein Wanderweg an.

Die ersten 5 Kilometer vergehen wie im Flug. Ich bin entspannt und lasse die Gedanken schweifen. Die Landschaft ist sogar leicht hügelig und nicht mehr nur flach. Das Laufen macht wieder Spaß heute. Als dann noch die Sonne rauskommt und das nasse Gras im Licht glitzert, muss ich lächeln. Die Sonnenstrahlen bleiben nur kurz, aber das tut gut und gibt mir Kraft.

Ich gehe wieder an einem riesigen Hof vorbei, oder besser gesagt mitten hindurch. Ups, da hätte ich ja fast den Wegweiser übersehen, der vom Fahrweg weg ins Grüne zeigt. Das wird ja immer schöner heute.

Auf dem kurzen Stück, das so schmal ist, merke ich, dass meine Hose nicht alle Brennnesseln abhält. Mein rechtes Knie spüre ich noch eine ganze Weile. Aber der Pfad führt mich auf einen schönen Waldweg. Die Sonne kommt immer mal wieder zwischen den Wolken hervor. Dadurch leuchten die Herbstfarben noch viel mehr.

Ich beobachte immer wieder große Vogelschwärme, die in V-förmigen Formationen wohl Richtung Süden fliegen. Zwischendurch geht es über Asphalt, aber nie so lange heute. Die meisten Wege sind erdige und steinige Nebenstraßen oder Waldwege.
Als ich durch den kleinen Ort Høgelund laufe, höre ich laute Flugzeuggeräusche. Sehr viel lauter, als man es hört, wenn ein Flughafen in der Nähe ist und Maschinen gerade gestartet oder im Landeanflug sind. Gestern habe ich das Geräusch schon mal gehört, konnte aber wegen der Wolken nichts sehen. Jetzt sehe ich irgendwelche Militär-Jets durch den Himmel jagen, mehrere hintereinander. Es dauert ewig, bis die Geräusche leiser werden und irgendwann nicht mehr zu hören sind. Das Bild und die Geräusche, vor allem die Geräusche, sind irgendwie angsteinflößend.
Dieser herbstliche Tunnel durch die Bäume sieht doch schön aus. Vor allem vor dem nun ganz blauen Himmel. Tatsächlich kann ich beim Gehen die Sonne genießen und solange ich nicht durch Schatten gehe, ist es auch ohne Mütze, Buff und Handschuhe warm genug.

Ich komme an einigen großen Bauernhäusern vorbei. Viele mit riesigem Garten, alle sehr gepflegt. Mir fallen wunderbare Plätze auf, wo ein Tiny House überhaupt nicht stören würde. Dazwischen komme ich immer mal wieder an sehr heruntergekommenen Häusern vorbei, wo das Grundstück vollgestellt ist mit Schrott und altem, kaputtem Kram.
Über diesen Wiesenweg zwischen den Feldern hindurch freue ich mich wieder. Auch die nächsten 10 Kilometer gehen schnell um.

Als Pausenplatz peile ich einen See an, wo Toilette und Picknickplatz eingezeichnet sind auf der Karte. Tatsächlich ist dort ein schönes altes Gebäude mit Besucherzentrum. Ich gehe über den Innenhof zum See und suche mir einen Tisch direkt am Wasser, in der Sonne. Heute mache ich mal richtig Pause und esse eine Nudelsuppe. Schön ist es hier. Und der Wald hinter dem See ist einer der Zeltwälder. Ich gehe aber gleich noch weiter.

Eine junge Frau kommt auf mich zu und fragt irgendwas auf Dänisch. Ich verstehe nur ein Wort davon, nämlich Hærvejen. Also antworte ich einfach auf Englisch, was ich mache. Ich glaube, ähnlich wie in Norwegen, spricht hier jeder gut Englisch. Sie erzählt, dass sie gerade vom Wandern zurück sind und fragt, ob ich ihr restliches Essen haben möchte. Sie haben noch Suppen und Trockengerichte. Das ist ja lieb. Ein Mann kommt dazu und erzählt, dass sie gerade aus den Pyrenäen wiederkommen. Sie sind den GR10 gewandert, wurden vorhin vom Flughafen abgeholt und sind auf dem Weg nach Hause. Sie schenken mir 2 Tüten der Mienudelsuppen, die gefühlt inzwischen in jedem Wanderrucksack zu finden sind. Und 2 Fertiggerichte von Voyager, der französischen Trekkingnahrung, die ich auch in den Pyrenäen ein paar Mal gekauft habe. Mega. Wir quatschen noch ein bisschen, dann verabschieden sie sich wieder. Das war eine schöne Begegnung.

Weiter geht’s. Das Anlaufen nach der Pause ist etwas unrund. Da merke ich meine Füße. Aber es geht schnell wieder. Der Weg führt am See entlang und dann durch den Wald. Und es geht tatsächlich eine leichte Steigung hoch. Es wäre wahrscheinlich gar nicht mal so einfach, hier einen ebenen Zeltplatz zu finden. Es sieht schön aus, wie sich ein paar Sonnenstrahlen einen Weg durch die Bäume bahnen.

Ich gehe durch den Wald, dann wieder an unbefestigten Straßen entlang und über einen Pfad neben einem hohen Stacheldrahtzaun, der ein Militärgebiet umschließt. Dann komme ich in den nächsten Ort und laufe auf dem Bürgersteig durch ein Wohngebiet. Mir kommt eine Familie entgegen, die mich fröhlich grüßt, und ich registriere erst etwas spät, dass die Frau wohl zu mir „God tur“ gesagt hat. Mein „Tak“ hört sie wahrscheinlich nicht mehr.
In Vojens mache ich am Friedhof nochmal Pause. Neben der Toilette sind außen an der Wand 2 Steckdosen für Fahrräder. Das nutze ich doch und lade mein Handy. Außerdem gibt es eine Kiste mit Hærvejen-Stempel. Wie bei allen Pilgerwegen könnte man sich einen Pilgerpass besorgen und darin die Stempel sammeln. Ich fülle mein Wasser auf und setze mich in die Sonne. Als mein Handy voll geladen ist, geht es weiter.
Ich habe vorhin nochmal auf die Karte geschaut. Auf den nächsten Kilometern ist es etwas mau mit möglichen Schlafplätzen direkt am Weg. Zum nächsten Zeltwald wären es noch 16 Kilometer. Etwa 20 Kilometer habe ich schon und es ist 14 Uhr. Das schaffe ich eher nicht, bevor es dunkel wird. Also bleibe ich bei der Alternative, die ich mir gestern schon zurechtgelegt habe. Das sind nur etwa 5 Kilometer. Zwar weg vom Hærvejen, aber ich gehe nur weiter östlich und treffe morgen dann wieder auf den Weg. Das wird zwar jetzt eine Stunde Asphalt, aber die einzige andere Möglichkeit wäre, hier im Ort auf dem normalen Campingplatz zu bleiben.
Zumindest begleitet mich die Sonne weiter. Ich bin aber doch froh, als ich dann in den Wald abbiegen kann, das letzte Stück Landstraße war etwas mehr befahren und die Autos sind ziemlich an mir vorbeigerast. Dann bin ich mal gespannt. Maugstrup Plantage ist zwar kein fri teltning Wald, aber es gibt einen Shelterplatz mit Feuerstelle, wo man auch sein Zelt aufstellen darf.
Hier bin ich wohl richtig.

Mitten im Wald steht schon mal die Toilette. Das sieht doch lustig aus.

Ein Stück weiter finde ich den Platz mit dem Shelter, einer Picknickbank und Feuerstelle. An der Wand des Shelters hängen sogar eine große Schaufel zum Vergraben vom Geschäft und eine Säge. Der Shelter ist sehr niedrig und so dunkel dadurch. Da ist es mir gar nicht wohl bei, da reinzukrabbeln zum Schlafen. Also baue ich mein Zelt gegenüber auf.

Es ist schön, dass es noch hell ist und mit der Sonne nicht so kalt, dass ich direkt im Schlafsack verschwinden muss. So kann ich mich draußen umziehen und in Ruhe kochen. Außerdem bereite ich schon alles, was geht, für morgen früh vor, damit ich etwas eher loskomme als die letzten Tage. Morgen wird ein langer Tag mit 33 Kilometern. Es ist schon etwas anderes, zu dieser Jahreszeit zu wandern, wo man sehr darauf achten muss, wie viel Tageslicht man zur Verfügung hat. Ich sollte auch in der ersten Hälfte längere Tage machen, dass ich später bei nur noch 7 Stunden, die ich im Hellen gehen kann, kürzere Etappen machen kann. Mal sehen, wie das klappt.
Sven
Es liest sich so gut und freut mich das du heute viel Sonne hattest und damit viel Kraft tanken konntest.
Cool mit deinen Begegnungen heute. Da wird der Rucksack nicht wirklich leichter.
Lisi
Oh was für liebe Leute! Wie schön, lass es Dir schmecken 🙂